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| Viswanathan Anand |
Andreas Schiendorfer, Redakteur beim Online-Magazin
In Focus, ist bekannt für gute Interviews. Bereits aus Anlass des
Lichthof Chess Champions Day im Jahre 2006 führte er ein
vielbeachtetes Interview mit Garry Kasparov. Es war uns eine Freude, Andreas mit Viswanathan Anand, amtierender Schachweltmeister und einer unserer Champions bei den Jubiläumsveranstaltungen, zu einem Interview zusammenzuführen. Anand äußerte sich zu einem ganzen Reigen von Themen, von der Geschichte des Schachs über die Fähigkeiten eines Schachspielers bis hin zu seinem WM-Match gegen Topalov. Für die Überlassung des Interviews danken wir Andreas und In Focus ganz herzlich!
Interview von Andreas Schiendorfer
Das Schachspiel wurde in Asien erfunden. Welchen Stellenwert besitzt das Schachspiel in Asien im Allgemeinen und in Ihrem Geburtsland Indien im Speziellen?
Anand: Man erzählt in der Tat, dass Schach aus Indien stammt. Für das Spiel finden sich auch Beispiele in unserer Mythologie. In einem der bekanntesten Klassiker aus dem 4. Jahrhundert vor Christus, der das Thema Politik und Militärstrategie behandelt, werden bereits Chaturanga oder die vier Teile der königlichen Armee erwähnt. Über Persien gelangte das Schachspiel dann nach Spanien. Als Time Magazine mich 2007 bat, einen Artikel über das Schachspiel zu schreiben, war ich fasziniert zu entdecken, dass Schach in vielen Ländern eine geschichtliche Erwähnung findet. Im vergangenen Mai besuchte ich die Österreichische Nationalbibliothek, die eine Unzahl an Büchern zum Thema Schach besitzt.
Das Turnierschach wurde während Jahrzehnten von den Europäern und insbesondere den Russen dominiert. Sie sind eigentlich der erste und einzige Weltklassespieler aus Asien...
Anand: Seit einigen Jahren gibt es auch vermehrt Schachspieler aus anderen Erdteilen. Neben einem Norweger sind unter den weltbesten Spielern auch ein Armenier, ein Ukrainer und ein Inder. Sie sehen, auch andere Länder haben es an die Spitze geschafft. Zwar ist Europa noch immer das Zentrum des Schachspiels, aber auch China und Indien bringen immer mehr gute Spieler hervor. Die Folgen werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren zu sehen sein. Russland stellt weiterhin die gösste Zahl an Schachspielern von Weltklasse, doch auch andere Länder sind nun verstärkt vertreten.
Wirkt sich der unterschiedliche kulturelle Hintergrund zwischen Asiaten sowie Europäern und Amerikanern Ihrer Meinung nach in der Art, Schach zu spielen, aus?
Anand: Wer Sie sind, entscheidet darüber, wie Sie Schach spielen. Die Unterschiede in der Persönlichkeit spiegeln sich auch auf dem Schachbrett wider. Ich bin sehr intuitiv und fatalistisch.
Ist es möglicherweise ein Vorteil, dass Sie mit beiden Kulturkreisen sehr vertraut sind?
Anand: Ich lebe in Indien, genauer gesagt in Chennai. Madrid ist nur eine Art Basislager während der Turniersaison. Als Schachspieler hatte ich das Glück, in verschiedenen Ländern spielen zu können. In jedem Land erlebt man eine andere Kultur. Die meisten Schachspieler sprechen mehrere Sprachen und haben in der Regel ausgedehnte Kenntnisse über andere Länder.
Wie wichtig ist für die indische Bevölkerung Ihr Weltmeistertitel – beispielsweise im Vergleich mit anderen Sportarten wie Cricket, Landhockey, Fussball oder Basketball?
Anand: 1987 kämpfte Indien noch um seinen ersten Grossmeistertitel. Seit 2007 haben wir einen Weltmeister in jeder Kategorie ausser im Frauenschach. In meinem Land ist Schach zu einem sehr bedeutenden Sport geworden. In den vergangenen sechs Jahren habe ich mich stark in der NIIT Mind Champions Academy engagiert. Über die Academy versuchen wir mit Hilfe einer virtuellen Plattform, Schach in die Schulen zu bringen. Gegenwärtig sind wir an 6500 Schulen vertreten und erreichen so 750’000 Kinder. Wir wollen in den nächsten Jahren die Schwelle von einer Million überschreiten. Es ist klar, dass die Tatsache, dass sich ein Weltmeister dabei engagiert, die Attraktivität des Schachspiels erhöht.
Sind Sie in Indien ein Star, der nicht mehr auf die Strasse gehen kann, ohne erkannt zu werden?
Anand: Nun, mir macht es Spass. Immer wenn ich nach Indien komme, sprechen mich Leute an und sagen mir, dass sie meine Turniere verfolgen. Es ist schön, diese Anerkennung zu spüren und zu wissen, dass mein Sport vielen Menschen etwas bedeutet.
Einer der besten Schweizer Schachspieler – Lucas Brunner – arbeitet heute in einer wichtigen Position bei der Credit Suisse. Glauben Sie, dass man von der Art, wie ein Schachspieler an ein Problem herangeht und es löst, auch in der Privatwirtschaft profitieren kann?
Anand: Sicher ist, dass das Schachspiel bestimmte intellektuelle Fähigkeiten fördert. Kinder, die Schach spielen, haben in der Regel mehr Erfolg im Studium. Erwachsene, die Schach spielen, entwickeln bestimmte Fähigkeiten. Als Schachspieler lernen Sie, eine grosse Zahl von Informationen zu verarbeiten, sie zu organisieren und die wichtigsten herauszufiltern. Daher sind Schachspieler oft gute Trader, Banker oder Anwälte. Wir Schachspieler entwickeln irgendwie ein Gespür für den entscheidenden Zug in jeder Situation.
Was sind denn die wichtigsten Eigenschaften eines Schachspielers?
Anand: Ein Schachspieler muss neugierig sein und Informationen schnell verarbeiten können. Einige Schachspieler sind gute Mathematiker, andere sind sprachbegabt. In der Regel interessieren sie sich stark für Politik und Wirtschaftsfragen. Wir sind die meiste Zeit ganz normale Menschen. Aber sobald wir vor einem Schachbrett mit 16 Schachfiguren sitzen, verwandeln wir uns.
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| Der Tiger von Madras |
Was bedeutet Ihnen dieses Zusammentreffen mit den Legenden der 70-er und 80-er Jahre wie Anatoly Karpov oder Viktor Kortschnoj?
Anand: Gegen diese Schachlegenden anzutreten, ist etwas ganz Besonderes. Neben dem sportlichen Aspekt gibt es auch einen historischen, denn es werden bei dem Anlass Schachspieler aufeinandertreffen, die für bestimmte Entwicklungsstadien in der Schachgeschichte stehen. Das ist schon etwas Aussergewöhnliches. Der wirkliche Star wird aber das Schachspiel sein.
Hatten Sie als Knabe, der irgendwann einmal beschloss, Profischachspieler zu werden, Vorbilder?
Anand: Ich habe nie eine Karriere als Schachspieler anvisiert. Als ich sechs war, wollte ich einfach nur meinen Gegner schlagen. Blitzschach in meinem Schachklub machte mir besonderen Spass. Wahrscheinlich kommt die Fähigkeit zum schnellen Spiel auch daher. Heute werde ich oft gefragt, ob ich es jemals für möglich gehalten hätte, einmal Weltmeister zu werden. Mit sechs wollen wohl alle Kinder einmal Weltmeister werden. Doch erst mit den Jahren und der wachsenden Erfahrung merkt man, wie schwierig es ist, Schachweltmeister zu werden und es danach auch zu bleiben.
Schachspieler sind in der Regel exzentrische Menschen, wenn wir etwa an Bobby Fischer denken. Sie hingegen gelten als ruhig, besonnen, freundlich, bescheiden…
Anand: Wenn ich an Bobby Fischer denke, denke ich vor allem an den mitreissenden Weltmeister von 1972. Dies war ein Augenblick, der für viele von uns unser Verständnis von Schach entscheidend prägte. Er war eine Ikone für seine Epoche. Es war traurig, dass er schwere Zeiten durchmachen musste. Aber seine Art des Schachspielens begeisterte viele seiner Fans, zu denen auch ich mich zählte. Doch im Grunde sind Schachspieler ganz normale Menschen. Das Bild vom exzentrischen Spieler ist ziemlich übertrieben!
Geben Sie als Gentleman des Schachbretts nicht einen psychologischen Vorteil preis, weil ein aufgefallenes Auftreten den Gegner in der Regel doch mehr irritiert, als dieser zugibt.
Anand: Ich versuche, ich selbst zu sein. Ich bin nicht der Typ, der verschiedene Rollen spielt. Am Ende gewinnt man eine Partie doch nur mit den richtigen Zügen. Alles andere ist nur überflüssiges Theater.
Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Schachcomputers?
Anand: Der Computer ist für einen Schachspieler ein guter Trainingspartner. Der Computer hat aber auch dazu geführt, dass die Masse an Informationen zu einem grossen Problem geworden ist. Wir analysieren jede Stellung viel intensiver, und die Vorbereitungen haben ein sehr hohes Niveau erreicht. Daher machen menschliche Eigenschaften wie Gefühle oder Ausdauer den entscheidenden Unterschied. Sie haben sicherlich bemerkt, dass Turniere immer häufiger sehr knapp ausgehen und dass das Spiel sehr kreativ geworden ist.
Ein Wort zur Schweiz: Sie haben nicht oft hier gespielt, aber doch relativ wichtige Turniere, oder?
Anand: Die Schweiz ist ein grossartiges Land. Ich habe 1993 in Biel um die Qualifikation für das Interzonenturnier gespielt und später auch einige meiner besten Partien, etwa in Genf 1996 und in Biel 1997.
Kennen Sie die Schweiz auch als Reiseland?
Anand: Ich war bereits im Januar in der Schweiz, als ich einen Vortrag in Davos hielt. Das wird also mein zweiter Besuch in diesem Jahr sein.
Wie sieht Ihr Leben in zehn Jahren aus? Werden Sie so lange am Brett sitzen wie Viktor Kortschnoj, oder ziehen Sie sich zurück, wenn Sie merken, dass die Jungen wie Carlsen eindeutig stärker als Sie sind?
Anand: Carlsen und Aronian gehören sicherlich zur nächsten Generation der weltbesten Spieler. Ich werde so lange Schach spielen, wie mir die Spannung und die Herausforderung gefällt. Ich bin sicher, mein Schachspiel wird mir sagen, wann die Zeit zum Aufhören gekommen ist.
Bleiben Sie nachher diesem Sport erhalten als Trainer, Funktionär oder Journalist/Experte?
Anand: Ich will heute keinen Gedanken an meine Zukunft verschwenden. Die Zeit kommt ohnehin schneller, als man glaubt. Ich betrachte mich als Schachbegeisterten oder auch als Astronom. Oder vielleicht auch nur als jemand, der sich amüsiert.
Wie geht es nach dem Zürcher Anlass weiter? Ziehen Sie sich zurück, um sich auf den Weltmeisterschaftskampf vorzubereiten?
Anand: Die Weltmeisterschaft verlangt eine ganz spezielle Vorbereitung. Für Bonn bereitete ich mich damals vier Monate lang vor. Dieses Mal wird es wohl ähnlich sein.
Wieso sind Sie sicher, dass Sie gegen Topalov, unabhängig vom Ausgang des Zürcher Champions Rapid, den Weltmeistertitel erfolgreich verteidigen können...
Anand: Topalov ist ein schwieriger Gegebner, aber ich werde mein Bestes geben.
Bei In Focus ist dieses Interview in vier Sprachversionen verfügbar.