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Interview mit Alexander Morozevich

by Christian Rohrer 18. August 2009 08:30

Alexander Morozevich
Alexander Morozevich

Alexander Morozevich, der Topgesetzte beim Jubiläums-Open, hat in der Schachwelt eine besondere Stellung. Er ist nicht Schachweltmeister, jedenfalls noch nicht. Aber er ist einer der wenigen Spieler, die beinahe eine eigene Marke darstellen, die in der Schachwelt gleichsam eine Stellung aus eigenem Recht haben - und das kommt von seinem Spielstil. Die vielen Schachfreunde, die überall auf der Welt mit ihm fiebern, erfreuen sich an Morozevichs unterhaltsamen Partien und hoffen, ihn regelmässig bei den Super-Turnieren spielen zu sehen. Während des Jubiläums-Opens hatten wir die Gelegenheit zum Gespräch mit ihm. Alexander Morozevich über Schach, seine Partien und seine Reputation.

Interview und Übersetzung von Christian Rohrer

Sie spielten - und verloren am Ende - in Biel eine sensationelle Partie gegen Vachier-Lagrave, die unglaubliche Stellungsbilder enthielt. Waren Sie nach dem Spiel einfach völlig enttäuscht oder gab es auch ein positives Gefühl, solch eine Partie gespielt zu haben?
Morozevich: Jede Niederlage ist eine kleine Lehre, man kann es von einem philosophischen Standpunkt aus betrachten. Während der Partie war ich in "all-in"-Stimmung. Doch nach der Partie fühlte ich mich nicht gut, und ich hatte nicht den Eindruck, dass es eine grossartige Partie war - die Funken flogen, der Wille zum Sieg war da, aber die Berechnungen waren sehr schwach. Grundsätzlich weise ich einer Partie nie eine zusätzliche Bedeutung zu. Nach der Niederlage gegen Vachier-Lagrave verlor ich das Interesse an den beiden letzten Runden, doch nach einem glücklichen Sieg über Ivanchuk hatte ich in der 10. Runde plötzlich die Chance, das Turnier zu gewinnen. Leider gelang es mir nicht, Caruana zu schlagen. Nach der letzten Partie tat es mir leid für jene, die mir das Turnier zu gewinnen wünschten. Ich habe Hunderte von SMS, E-Mails aus der ganzen Welt mit Dank und Trost erhalten.

Haben Sie im Schach ein letztes Ziel? Weltmeister werden? Wie Anderssen eine "Immergrüne Partie" zu spielen, die noch in Jahrhunderten bewundert wird? Einfach das Beste aus Ihren Fähigkeiten machen, wo immer das auch hinführen wird?
Morozevich: Was eine "Immergrüne Partie" ist, ist eine subjektive Sache. Schach ist ein Sport. Ich nahm an den Weltmeisterschaften 2005 und 2007 teil. Ich spielte beide Male ungleichmässig, doch bin ich mittlerweile ein reifer und erfahrener Spieler geworden, mein Ziel ist also, um die Weltmeisterschaft zu kämpfen.

Gehen Sie völlig im Schachspiel auf, oder mögen Sie auch andere Spiele? Gibt es andere Interessensgebiete, mit denen Sie sich ernsthaft beschäftigen?
Morozevich: Ich mochte Poker noch nie, schon das Zusehen langweilt mich. Als ich jünger war und zur Schachelite vorstiess, spielte ich Belot in Wijk ann Zee und anderen Superturnieren, um mein Gehirn etwas zu entspannen und die angenehme Gesellschaft von Schachfreunden zu geniessen. Jetzt ist mein Wunsch zu spielen völlig auf Schach ausgerichtet. Ich arbeite viel mehr am Schach als in früheren Zeiten. Ich fühle auch eine gewisse Verantwortung, das zu tun.

Haben Sie ein Vorbild? Ein Spieler, der Ihr Spiel grundsätzlich beeinflusst hat?
Morozevich: Nein, ich hatte nie einen echten "Schachhelden", nicht einmal in meiner Kindheit. Natürlich gab es viele grossartige Spieler, deren Spiel ich studiert habe. Aber ich könnte nicht eine einzelne Person nennen.

Sie werden als kreativer, unkonventioneller und unberechenbarer Spieler angesehen ...
Morozevich: Unberechenbar und unkonventionell, das gehört zu einem alten Image, das beinahe 15 Jahre alt ist. Und für die damalige Zeit waren meine Experimente in Ordnung. Im Vergleich zu damals spiele ich heute ein ganz anderes Spiel. Unberechenbar? Da wird die Verbindung zu meinen Resultaten hergestellt, obwohl ich nun schon seit vielen Jahren zu den Top-Spielern gehöre. Ich bin ein ziemlich universeller Spieler mit einem klassischen Ansatz. Es ist wahr, ich spiele etwas aggressiver als andere Spieler, versuche mit beiden Farben zu gewinnen. Aber heutzutage spiele ich normale Eröffnungen. Und in diesen habe ich neue Ideen gefunden, schon in sehr frühen Phasen. Ich bin einer von denen, die ständig versuchen, etwas Neues zu erfinden, und einer derjeningen, die maßgeblich den Modetrend im Schach unserer Zeit beeinflussen.

Sie sind besonders stark im Blindschach. Abgesehen von einer grossartigen Visualisierungsfähigkeit, was sagt es uns, wenn jemand im Blindschach besonders stark ist? Sagt es etwas über den Spielstil? Über Kreativität?
Morozevich: In schachlicher Hinsicht sind Blindschachpartien den anderen Schachpartien ziemlich ähnlich. Wenn einem zwei Partien eines Spielers beim Turnier in Monaco gezeigt würde, wäre es wahrscheinlich schwer herauszufinden, welche blind und welche im Schnellschach gespielt wurde. Für manche Spieler ist es schlicht einfacher, mit den Positionen im Kopf umzugehen - Spieler wie ich einer bin (grinst). Für andere Spieler ist es schwieriger, und manchmal versuchen sie einfach, die Blindpartie zu übergehen - wollen zum Rapid kommen, indem sie so sicher (oder dümmlich) wie möglich spielen.

Top-Athleten sprechen oft vom "Flow" - es gelingt einfach alles. Der Tennis-Champion Sampras sagte gelegentlich, dass er "in the zone" war - in der Zone, in der nichts schiefgehen kann. Er hätte seine Augen schliessen und dennoch einen Winner schlagen können. Haben Sie jemals so ein Gefühl am Schachbrett gehabt? Wenn ja, können Sie sich konkret an eine solche Partie erinnern?

Ich glaube, Schach spielt man immer bewusst. Selbst in typischen Positionen muss man immer genau auf die Nuancen achten. In meiner Partie gegen Caruana zum Beispiel bedeutete es einen grossen Unterschied, dass der Bauer auf h3 und nicht auf h2 war. Mit dem Bauer auf h2 hätte ich wirklich "automatisch" spielen können: Ich habe genug Französische Verteidigungen mit Schwarz gespielt, um die Stellung zu verstehen. Aber nun gut, vielleicht im Endspiel oder in einer hoffnungslosen Situation mag es diesen "automatic pilot" geben. Es gibt aber einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Tennis und Schach. Im Tennis kann man nach einem Fehler ins Spiel zurückkommen und wirklich gut spielen; im Schach macht man einen schlechten Zug, und die Partie kann vorbei sein, egal wie gut man danach spielt.


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